Emotionen

2025

Integration & Begleitung

Living Museum Biel/Bienne

Ein Ort, der wachsen lässt

Barbara Vetter

Beruflich agogische Fachperson Tagesstätte, Kunsttherapeutin

Seit zwei Jahren bietet das Living Museum Biel/Bienne den Teilnehmenden der Tagesstätte der Stiftung Battenberg einen geschützten Raum, um kreative Ideen zu entwickeln. Viele von ihnen nutzen das Atelier regelmässig und verfolgen eigene Projekte – ohne Leistungsdruck, aber mit individueller Begleitung. Eine von ihnen ist Michelle Heim. Für sie wird Kreativität zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstvertrauen und Selbstbestimmung.

Erste erfolgreiche Ausstellung in Chapelle Nouvel auf der Schüssinsel in Biel

Im September 2024 erhielten die Teilnehmenden der Tagesstätte erstmals die Möglichkeit, ein oder zwei Werke aus ihrem persönlichen künstlerischen Dossier auszuwählen und im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren. Für viele war es ihr erster öffentlicher Auftritt.

Auch Michelle Heim stellte eines ihrer Werke aus – ein kleines Landschaftsbild. Am Vernissageabend selbst hatte sie jedoch noch nicht den Mut, daran teilzunehmen. «Heute habe ich viel mehr Vertrauen in mich und werde bei der nächsten Ausstellung aktiv dabei sein», sagt sie mit einem Lächeln.

Michelle Heim kam vor zwei Jahren zur Stiftung Battenberg, um sich auf eine Ausbildung zur Uhrmacherin vorzubereiten. Bald stellte sie fest, dass die Anforderungen einer Lehre für sie zu diesem Zeitpunkt noch zu hoch waren. Um weiterhin eine Tagesstruktur zu haben, wechselte sie in die Tagesstätte – eine Entscheidung, die ihr neue Wege eröffnete, künstlerisch wie persönlich.

Vom Kleinformat zum Grossformat

Aufgrund ihrer ASS-Diagnose (Autismus-Spektrum) stellen neue Situationen für Michelle eine besondere Herausforderung dar. An ihre ersten Wochen im Atelier erinnert sie sich gut: «Am Anfang war ich sehr unsicher. Meine ersten Bilder waren klein, sehr detailliert und vorsichtig.»

Mit der Zeit veränderte sich dies. Die Begegnung mit anderen Kunstschaffenden in der Tagesstätte, der respektvolle Austausch und die ruhige Arbeitsatmosphäre gaben ihr Sicherheit. Schritt für Schritt wuchs ihr Mut – und mit ihm das Format ihrer Werke. Schliesslich wagte sie sich an ein grosses Landschaftsbild. «Es war spannend zu merken, dass auch ich Raum einnehmen darf – und dass ich das auch kann.»

«Am Anfang war ich sehr unsicher. Meine ersten Bilder waren klein, sehr detailliert und vorsichtig.»

Pappmaché und der Mut, Verantwortung zu teilen

Neben ihrer Arbeit im Living Museum schätzt Michelle auch die Aktivitäten der Tagesstätte insgesamt. Obwohl Gruppenarbeit für sie eine Herausforderung darstellt, liess sie sich motivieren, die dort hergestellten Pappmaché-Figuren zu bemalen. Heute übernimmt sie gerne die Ausarbeitung der Details und ist stolz auf das Ergebnis.

«Ich bin Perfektionistin. Die Figuren der anderen sind nie perfekt – und trotzdem kann ich damit arbeiten. Für mich ist es eine grosse Erleichterung, nicht für den ganzen Prozess verantwortlich sein zu müssen.»

Das war ein wichtiger persönlicher Entwicklungsschritt. Die Anerkennung der anderen Teilnehmenden und die Ermutigung durch die Fachpersonen stärkten ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Ein Ort, der stärkt

Das Living Museum Biel/Bienne zeigt eindrücklich, was entstehen kann, wenn Menschen Zeit, Raum und Vertrauen erhalten. Die Geschichte von Michelle Heim ist eine von vielen. Sie macht sichtbar, wie kreative Angebote Perspektiven eröffnen, Mut wachsen lassen und persönliche Entwicklung ermöglichen.