Emotionen

2025

Integration & Bildung

Die Faszination für Elektronik als Wendepunkt

„Da hat es Klick gemacht“ – Wie Joshua seinen Platz in der Arbeitswelt fand

Vivienne Stöhr

Job Coach, Integrationsfachperson

Wenn Joshua heute durch die Produktionshalle von Hagmann Tec läuft, wirkt er ruhig, konzentriert und angekommen. Nichts erinnert mehr an die Unsicherheiten der ersten Jahre, die Tiefschläge, die Selbstzweifel. Dabei begann seine Geschichte ganz anders – und sie führte ihn durch Krisen, Lernschritte, Werkstätten, Wohngemeinschaften und Coachings. Eine Geschichte, die zeigt, wie viel möglich wird, wenn ein Mensch Zeit, Struktur und echte Begleitung erhält.

Der Moment, in dem alles anfing

2020, im Rahmen einer beruflichen Abklärung in der Stiftung Battenberg, stand Joshua vor mehreren möglichen Berufsrichtungen. Mechanik? Uhrmacherei? Büro? Oder Elektronik? Er erinnert sich und lacht: „Im Büro bin ich beim Ausfüllen von Tabellen fast eingeschlafen. Uhrmacherei war mir zu genau – obwohl ich ein Perfektionist bin. Mechanik fand ich toll. Aber die Elektronik hat mich fasziniert.“

Fasziniert – das Wort fiel mehrfach an diesem Tag. Und tatsächlich: Als er später ein kleines Blinklicht zusammenbaute, war er vollkommen in seinem Element: „Da habe ich verstanden, wie alles zusammenspielt. Da hat es Klick gemacht.“

Perfektionismus – Freund und Gegner

Joshua ist Perfektionist. Er sagt es offen und ohne Umschweife. Ein Beispiel bleibt ihm besonders präsent: „Beim Gitterlöten war ich überhaupt nicht zufrieden. Serge [der Ausbildner] sagte, es sei gut – aber ich sah nur die Fehler.“

Dieser Perfektionismus begleitete ihn durch die nächsten Jahre – als Antrieb, aber auch als Stolperstein.

Eine Ausbildung mit Unterbrüchen, Stabilisierung – und viel Rückhalt

Als Joshua die Ausbildung zum Automatikmonteur EFZ begann, wusste niemand, wie anspruchsvoll der Weg werden würde. Psychische Belastungen führten zu Unterbrüchen, Phasen der Instabilität und Monaten der Neuorientierung. Die Stiftung reagierte flexibel: mit agogischer Begleitung, Stützunterricht, Coaching, angepassten Lernzielen, arbeitsbezogenen Massnahmen, psychosozialer Beratung und einer engen Zusammenarbeit zwischen allen Bereichen. Diese abgestimmte Betreuung wurde zu einem tragenden Netz für Joshua: „Ich bekam Rückhalt – und wurde gleichzeitig gefordert. Das hat mich weitergebracht.“

In dieser Zeit lernte er, mit seinem Perfektionismus und seinen Unsicherheiten konstruktiv umzugehen. Das Coaching half ihm, in der Arbeit und im Alltag eigene Strategien zu entwickeln.

Zwischen Freiheit und Struktur – das Wohnen als Lernfeld

Ein grosses Stück seines Weges spielte sich nicht in der Werkstatt, sondern im Wohnen ab. Vom offenen Wohnsetting über eine strukturiertere Phase bis zum Schritt in die eigene Wohnung musste Joshua Konflikte bewältigen, Grenzen setzen, Gespräche führen, Verantwortung übernehmen: „Ich habe gelernt, meine Bedürfnisse klar zu kommunizieren und für mich einzustehen. Gesunde Kommunikation – das habe ich wirklich gelernt.“

Dieser Prozess war entscheidend. Er bildete das Fundament für alles, was folgen sollte.

Der Abschluss – und ein Herz, das schneller schlägt

2025 schloss Joshua seine Ausbildung ab – trotz Baustellenlärm am Standort Juravorstadt, trotz Widrigkeiten, trotz Rückschläge. Als die Nachricht kam, war der Moment überwältigend: „Meine Mutter hat es am Telefon zuerst erfahren – was für ein Moment!“

Hagmann Tec – ein Team, das ihn sieht

Schon im letzten Semester absolvierte Joshua ein Praktikum bei Hagmann Tec in Selzach. Von Anfang an fühlte er sich wohl: „Marc [ein Arbeitskollege] und ich sind beide Perfektionisten – das hat gepasst.“

Mit Marc als Arbeitskollege und Fabian als Chef fand Joshua ein Team, das ihn ernst nahm, ihm Antworten gab, ihn mit realem Produktionsdruck herausforderte – ohne ihn zu überfordern: „Ich fühle mich abgesichert und kann mich entwickeln.“

Die Folge: Ein Anstellungsangebot.

Bei der Vertragsunterzeichnung mischten sich Nervosität und Stolz: „Ich dachte: Hoffentlich schaffe ich, was nun kommt.“

Er schaffte es. Joshua erhöhte vom 80%-Pensum auf 90% und arbeitet seit Januar 2026 sogar zu 100%. Ein Jobcoaching in den ersten sechs Monaten gab ihm zusätzliche Sicherheit. Und mit den flexiblen Arbeitszeiten fand Joshua genau die Balance, die er braucht.

Was bleibt? Ein Mensch, der gewachsen ist.

Heute blickt Joshua mit einer Mischung aus Stolz und Demut zurück.
Er hat gelernt, Verantwortung zu übernehmen.
Er hat gelernt, zu kommunizieren.
Er hat gelernt, Krisen zu überstehen.
Und er hat gelernt, dass er – mit Unterstützung – mehr schaffen kann, als er sich einst zugetraut hat.

„Wenn Platz da ist – und Zeit –, dann kann man sich trotz Hindernissen entwickeln.“

Und wie geht es weiter?

Die nächsten Ziele stehen bereits fest: Weiterbildungen, fachliche Entwicklung, mehr Selbstständigkeit – und langfristig die Ablösung seiner Beiständin. Joshua ist bereit, den nächsten Schritt zu machen.

Seine Geschichte zeigt, was möglich wird, wenn ein Mensch in einem Netzwerk aus Vertrauen, Struktur, Geduld und echter agogischer Unterstützung wachsen darf und seinen eigenen Weg gehen kann.